Thorazitat – Parascha


Unsere Weisen lehrten uns: „Gott gibt und Gott nimmt.“

Thora-Parascha

Sidra: „Wajera“
Lesungen: 1. Mose 18,1 – 22,24
Haftara: Melachim 1 (Könige 1) 1, 32-53.

Wajera-Psalm 11
Prüfung des Gerechten

Der Midrasch (Bereschit Rabba 54,3) deckt einen Zusammenhang zwischen dem Wochenabschnitt Wajera und Psalm 11 auf. In der Tora steht: „Und es war nach diesen Begebenheiten, und es prüfte Gott den Abraham und sprach zu ihm: Abraham! Und er sprach: Hier bin ich. Und er sprach: Nimm doch deinen Sohn, deinen einzigen, den du liebst, den Yizhak, und gehe hin in das Land Morija und bringe ihn dort zum Opfer auf einem der Berge, den ich dir ansagen werde“ (Bereschit  22,1 – 2). In Psalm 11 heisst es: „Gott prüft den Gerechten, den Gesetzlosen aber und den Freund der Gewalt hasst sein Wesen“ (Vers 5). Nach dem Midrasch spricht der Psalmist hier von der Prüfung Abrahams.

Die Geschichte der Bindung Yizhaks wirft etliche Fragen auf, von denen hier nur zwei angeführt werden sollen. Gott wusste natürlich, dass Abraham seinen Test bestehen würde – warum hat er ihm dann die Prüfung auferlegt? Eine Antwort gibt uns die folgende Mischna: „In zehn Prüfungen wurde Abraham erprobt, und er bestand sie alle; um bekannt zu machen, wie gross unseres Vaters Abraham Liebe zu Gott war“ (Awot 5,4). „Denn nun weiss ich, dass du gottesfürchtig bist,  denn du hast mir nicht verweigert deinen Sohn, deinen einzigen“ (Bereschit 22,12). Warum ist in diesem Vers von   Gottesfurcht die Rede und nicht von der Liebe zu Gott? Abravanel erklärt, dass die Ehrfurcht im Gedanken an die Erhabenheit Gottes auf dieselbe Sache hinausläuft wie die Gottesliebe (siehe auch Rabbiner J. Z. Mecklenburgs Kommentar zu diesen Vers).

Es gibt einen weiteren Berührungspunkt zwischen Wajera und Psalm 11: Hier wie dort ist von einer Bestrafung der Frevler durch Gott die Rede. In der Tora lesen wir: „Und der Ewige liess regnen auf Sodom und Amora Schwefel und Feuer vom Ewigen vom Himmel. Und zerstörte die Städte und den ganzen Umkreis und alle Einwohner der Städte und das Gewächs des Erdbodens“ (Bereschit 19, 24 – 25). Im Psalm heisst es: „Er regnet auf die Frevler Schlingen, Feuer und Schwefel, und Glutwind ist ihres Bechers Teil“ (Vers 6). (Von: Prof. Dr. Yizhak Ahren)

Sidra Wajera

Im Katzensee

«Awraham bekehrte die Männer und Sara bekehrte die Frauen; und das rechnet ihnen die Schrift an, als wenn sie sie erschaffen hätten» (Midrasch Bereschit Raba 39, 14).

Dieser Midrasch Text liegt der Tatsache zugrunde, dass zum Judentum Übergetretene bis zum heutigen Tag für Nachkommen von Awraham und Sara gehalten werden. Auch diese Woche erweiterte sich ihr Nachwuchs.

In normalen Zeiten reisten wir – nach anderthalb Jahr intensivem Studium – mit der Giur-Gruppe nach Genf für das Bet Din (rabbinisches Gericht). Nachdem für die Kandidaten oft emotionalen und spannenden Gespräch mit

den drei Rabbinern, tauchten sie in der Mikwe dreimal unter und fuhren als jüdische Personen wieder nach Hause. So sollte es auch am 2. November vonstattengehen, wäre Covid-19 nicht der Spielverderber. Also lief es anders.

Das Bet Din fand im Gemeindezentrum über Zoom statt. Rabbiner Lior Bar Ami wurde auf dem (extra dafür installierten, grossen) Bildschirm aus Wien und Rabbiner François Garaï aus Genf zugeschaltet. Die Kandidaten erschienen wie üblich eine/einer nach dem andern vor dem Bet Din, bei dem ich als einziger Rabbiner physisch anwesend war. Eine Familie, deren drei Kinder erscheinen sollten, die sich jedoch in Quarantäne befand, nahmen von Zuhause aus über Zoom teil. Das Bet Din war relativ einfach zu organisieren. Was aber tun mit der nicht für uns verfügbaren Zürcher Mikwe oder der geschlossenen Genfer Mikwe? Theoretisch und technisch könnte man in der Badewanne mithilfe von Eimern eine Mikwe nachbilden. Eine spirituelle Erfahrung – was es ja sein soll – hätte dies sicher nicht gebracht. Die Gruppe entschied sich mutig für den Katzensee.

Am nächsten Morgen machten wir uns, begleitet von Freunden und Familie, jede/jeder mit Taschen voll Handtüchern, extra Mützen und Jacken, an den Tischen der Badeanstalt breit. Die Kandidaten stiegen etwas abseits, d.h. ausser Sicht der Gruppe, der Reihe nach ins Wasser. «Gar nicht so kalt», war die überwiegende Meinung der ‘blaulippigen’, von Kälte und Emotionen zitternden, Männer und Frauen. Gehüllt in Bademäntel und sonstige warme Kleidung, feierten wir das besondere Erlebnis ausgelassen mit «Gipfelis», Likör, Whisky, Crackers, «Salzstängelis» und Krügen voll Tee und Kaffee. Dies war die schönste und spannendste Übertrittszeremonie aus meiner Karriere. Es war Sylvia und mir eine Ehre, dabei sein zu dürfen.

Der Auftrag, um Menschen wie Awraham und Sarah es taten, zum Übertritt zu bewegen, gilt heute nicht mehr. Im Gegenteil, wir sind hierzulande eher zurückhaltend unsere Türen zu öffnen für Leute, die an einem Übertritt zum Judentum interessiert sind. Wovor haben wir Angst? Vor Aussenstehenden, die uns ‘Seelenwerbung’ vorwerfen würden? Vor unseren eigenen Leuten, die meinen, Übergetretene würden die «Jiddischkeit» in unserer Gemeinde verwässern oder umgekehrt, die Frömmigkeit intensivieren? Gerim, zum Judentum Übergetretene, hat es immer, auch in biblischen Zeiten gegeben. Den Widderstand gegen sie auch. Laut Maimonides / Rambam (Issure Bi’a 13, 1) sind gebürtige Juden Nachkommen von Übergetretenen. Die Bedingungen – Mikwe, Beschneidung und Opfergabe – unter denen die beim Berg Sinai Anwesenden dem Bund Gottes beigetreten sind, wurden anderthalbtausend Jahre später durch die Rabbiner für den Übertritt festgelegt, wobei die Opfergabe selbstverständlich heutzutage keine Relevanz mehr hat.

Lass uns unsere neuen jüdischen Brüder und Schwestern mit Freude und mit offenen Armen begrüssen und in unserer Gemeinde aufnehmen. Sie sind für uns und die ganze jüdische Gemeinschaft eine Bereicherung.

Schabbat Schalom,

Rabbiner Ruven Bar Ephraim, JLG Zürich



Kategorien:Gesellschaft

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