ANTISEMITISMUSBERICHTE SCHWEIZ 2020


Der jüngste Vorfall in Biel zeigt das wahre Gesicht des Antisemitismus in der Schweiz.

Methodisches Babylon, mangelnde Verantwortung

Einmal mehr werfen die Schweizer Antisemitismusberichte 2020 Fragen auf und gestehen grundsätzliche Mängel ein – eine Analyse.

Der Konflikt zwischen dem Schweizerischen Israelitischen Gemeindebund (SIG) und der welschen Coordination Intercommunautaire contre l’antisémitisme et la diffamation (CICAD) sorgt auch in deren selbstaufgetragenen Kerngebieten für Friktionen. Seit Jahren kommen im Februar oder März zwei verschiedene Antisemitismusberichte mit unterschiedlichen Methoden, Wertungen und Expertisen und vielen Widersprüchen heraus. Der Bericht aus der Deutschschweiz vom SIG und der Stiftung gegen Rassismus und Antisemitismus (GRA) und der Bericht aus der Romandie von der CICAD. Die Absurdität der Situation zeigt sich in diesem Jahr im Kapitel 5 unter dem Titel «Nationale Synthese», in dem der SIG die eigenen Resultate und jene der Romandie zusammenführt. Dieser Bericht wird mit Sperrfristen an Schweizer Medien gesendet. Doch der SIG erhält die detaillierten Zahlen der CICAD selbst erst am Tag der Publikation, nämlich vergangenen Dienstag. Dies bestätigt SIG-Generalsekretär Jonathan Kreutner auf Nachfrage. SIG und GRA wagen also eine nationale Konklusion, ohne die genauen Daten des anderen Berichts überhaupt zu kennen. Ein Unterfangen, das den wissenschaftlichen Ansprüchen an eine Studie wie diese nicht gerecht wird.

Stark variierende Zahlen
Dass der SIG nähere Informationen aus Genf erst zeitgleich mit der Öffentlichkeit erfährt, verwundert auch aus dem Grund, da der SIG an CICAD – vom Dachverband mit der Antisemitismus-Arbeit in der Romandie mandatiert – jährlich 80 000 Franken bezahlt. Trotz dieses Aufwands rückt der Bericht der CICAD im nationalen Vergleich in den Hintergrund, da der SIG eine sehr offensive Medienarbeit betreibt und mit seinem Bericht regelrecht in die Öffentlichkeit prescht. Das führt zur Kernaussage, dass die Zahl der antisemitischen Vorfälle im Jahr 2020 eher gering gewesen sei – ausgehend vom Bericht aus der Deutschschweiz würde diese Behauptung stimmen, aber zum einen wird die Romandie hier vergessen und zum anderen spielt das Tessin gar keine Rolle. Ausserdem wirft die Methode des Antisemitismusberichts der Deutschschweiz seit Jahren Fragen auf.

Im Antisemitismusbericht des SIG heisst es in Bezug auf die zwei unterschiedlichen Berichte: «Dies ist eine Besonderheit, die den föderalistischen und multikulturellen Charakter der Schweiz widerspiegelt. Angesichts der unterschiedlichen Methoden, die zur Erstellung dieser Berichte angewendet werden, ist ein direkter Vergleich der Zahlen und Kategorien der antisemitischen Vorfälle nicht möglich.» Trotz dieser Mängel hält der SIG an dem Verfahren fest. SIG-Präsident Ralph Lewin sagt: «Es ist ein Bericht über die in der deutschen Schweiz beobachteten und gemeldeten Fälle von Antisemitismus in der realen Welt und online. Nicht mehr und nicht weniger, und wir kennen die Grenzen der Aussagekraft durchaus und betonen diese ja auch» (vgl. Interview auf S. 14). Verwirrend sind vor allem die stark voneinander abweichenden Zahlen aufgrund der unterschiedlichen Methoden. So meldet der SIG für das Jahr 2020 47 Vorfälle (ohne online beobachtete), CICAD hingegen meldet 147. Es stellen sich die Fragen, wie nun mit diesen Zahlen umgegangen werden soll und ob eine nationale Synthese unter diesen Umständen überhaupt zulässig ist.

Methode in der Kritik
Ein Drittel des Berichts (9 von 27 Seiten) erklärt die Methode, mit deren Hilfe die antisemitischen Vorfälle erfasst werden. So werden (ausgenommen online) nur gemeldete antisemitische Vorfälle aus der Deutschschweiz untersucht; die Dunkelziffer der antisemitischen Vorfälle dürfte demnach deutlich höher sein. Bemerkenswert ist, dass im Bericht selbst an verschiedenen Stellen auf seine eigenen Mängel verwiesen wird. So wird von «Unvollständigkeit», von einem «Bruchteil der Fälle» oder einer «grossen Dunkelziffer» gesprochen. Zu den im Bericht erwähnten 47 realen Vorfällen (es wurden keine physischen Angriffe auf jüdische Menschen registriert) kommen rund 500 digitale Ereignisse. In der Analyse heisst es: «Im Vergleich zum Vorjahr blieb die Anzahl der gemeldeten antisemitischen Vorfälle (exklusive online) in der Schweiz auf tiefem Niveau, mit Ausnahme einer Steigerung bei Schmierereien. Es kam auch im Jahr 2020 zu keiner Tätlichkeit und lediglich zu einer gemeldeten Sachbeschädigung.» Wenn der Bericht in seiner aktuellen Form als Grundlage für die Auswertung antisemitischer Vorfälle in der (Deutsch-)Schweiz ernst genommen wird, so scheint es nahezu fahrlässig, der Öffentlichkeit die – eingestandenermassen – unvollständigen Zahlen zu präsentieren. Können die vergleichsweise niedrigen Zahlen überhaupt ernst genommen werden, wenn der SIG selbst anmerkt, dass viele Vorfälle weder der Polizei noch dem SIG gemeldet werden und die Dunkelziffer somit relativ hoch sein dürfte?

Online wird gesucht, in realem Leben nicht
Während antisemitische Vorfälle aktiv gemeldet werden müssen, wird online aktiv nach Vorfällen gesucht, aufgrund von «Ressourcenmangel», wie der SIG schreibt, allerdings vor allem in den drei sozialen Netzwerken Facebook, Twitter und Telegram. Ein Augenmerk wurde 2020 vor allem auf die sogenannten Corona-Rebellen gelegt, da sich die Gegner der Massnahmen zur Eindämmung der Pandemie vor allem in sozialen Netzwerken organisieren. Der SIG schleust sich demnach in Online-Chats ein, mischt sich aber nicht unter die demonstrierenden «Corona-Rebellen», um zu schauen, was im realen Leben geschieht. Ab Mai 2020 wurden also mehrere dieser Chats durch das SIG-Monitoring beobachtet. Das Fazit «überrascht», so schreibt es der SIG selbst im Bericht. Denn: «Antisemitismus ist in diesen Gruppen zwar vorhanden, jedoch – soweit analysiert – kein mehrheitsfähiges Gedankengut.» Dennoch wird die Corona-Pandemie als «ein nicht zu unterschätzender Trigger» bewertet, da die «Corona-Rebellen» auch Personen mit zweifelhaftem Gedankengut anzögen. Was genau ist gemeint? Den Lesenden des Antisemitismusberichts erschliesst sich nicht, ob die «Corona-Rebellen» nun Antisemitismus-Trigger sind oder eben nicht. Bleibt auch die Frage, weshalb «Corona-Rebellen» ins Visier genommen werden, die Neonazi-Szene, die Antifa-Hooligans, Islamismus, das Darknet oder gar die Terrorszene gar nicht erst untersucht werden, wie es für einen jährlich wiederholenden Bericht zum Vergleich der Entwicklung Voraussetzung wäre. Die Realität liefert dann auch gleich die Antwort. Seit Jahresbeginn gab es mehrere Attacken auf Schweizer Synagogen und Veranstaltungen. Diese aktuellen Vorfälle schlagen den Bericht des SIG in den Wind, weil dieser nicht systematisch und professionell erarbeitet wird, sondern sich auf Meldungen und punktuelle, eher willkürliche Recherche stützt.

Kritik ignoriert
Nicht ersichtlich ist den Lesenden auf den ersten Blick, wer den Antisemitismusbericht für die Deutschschweiz verfasst hat. Offiziell ist von SIG und GRA die Rede. Wer aber hinter den Organisationen steht, wird erst auf Nachfrage deutlich. «Die GRA ist Partner. Der Bericht entsteht in Zusammenarbeit», heisst es seitens des SIG. Fakt ist, dass der offenbar mit grossem – auch finanziellem – Aufwand entstandene Bericht seine Aufgabe, nämlich eine zuverlässige Analyse des Antisemitismus in der Schweiz zu liefern, nicht erfüllt. Die Verfasser des Berichts werden nicht öffentlich genannt und nur auf Nachfrage bekanntgegeben. Bisherige Kritik an Methode und Vorgehen wurde stets ignoriert. Einen Nutzen bringt der Bericht in der nun vorliegenden Form wohl kaum, schon gar nicht den Jüdinnen und Juden in der Schweiz, die mit Antisemitismus konfrontiert sind. Aber er beweist einmal mehr den Dilettantismus im Umgang mit einem wichtigen Thema und macht dem neuen SIG-Präsidenten Ralph Lewin die Entscheidung leichter, künftig einen anderen Weg einzuschlagen.

Valerie Wendenburg, Tachles


Kategorien:News

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