Thorazitat – Parascha


Unsere Weisen lehrten uns: Wer auch nur einem Menschen das Leben gerettet hat, wird belohnt werden, als hätte er die ganze Welt gerettet.

Thora-Parascha

Schabbat:„Wajikra“
Sidra: 3. Mose 1:1 – 5:26, 2
Haftara: Hoschea 5:1 – 6:6

Wajikra-Psalm 50
Vom Sinn der Opfer

In unserem Wochenabschnitt ist von verschiedenen Opfern die Rede. Das hebräische Wort für Opfer lautet: Korban (Mehrzahl: Korbanot). Die Wurzel des hebräischen Wortes heisst: „näher kommen“. Geht man von der Wortbedeutung aus, so gelangt man zu einer Annahme, die viele Autoren vertreten; es sei die Gottesnähe, die mit den Korbanot angestrebt wird.

Psalm 50 behandelt das Thema Korbanot, auch wenn ein anderes hebräisches Wort (Sewach) verwendet wird. Der Psalmist spricht im Namen Gottes: „Versammelt mir die Frommen, die meinen Bund schliessen über dem Opfer“ (Vers 5). A. Chacham erklärt, dass die Frommen zusammengekommen sind, um den Bund mit Gott zu erneuern;  zum Bundesschluss haben sie Korbanot gebracht.

Unmissverständlich wird die Ansicht abgelehnt, der Ewige sei am Fleisch der Tiere interessiert: „Esse ich das Fleisch der Masttiere oder  trinke ich der Böcke Blut?“ (Vers 13). Wer opfert, der darf nicht eine verkehrte Auffassung von Korbanot haben – sonst ist sein Opfer sinnlos. Der Psalmist erklärt, nur solche Korbanot seien erwünscht, die man als Zeichen des Dankes bringt: „Opfere Gott Dank und bezahle dem Höchsten deine Gelübde“ (Vers 14). „Dank“ (hebr.: Toda) meint: Dank-Opfer (siehe Wajikra, Kap. 7, 12-15).

Rabbiner  Hirsch hat den eben zitierten Vers anders übersetzt: „Bekenntnis opfere Gott und löse dem Höchsten deine Gelübde“. Er folgt dem Kommentar von Raschi, der erklärt, Korbanot seien dann Gott wohlgefällig, wenn der Opfernde beim Darbringen seine Sünden bekennt. Opfer sind also dann erwünscht, wenn sie mit Gedanken der Umkehr verbunden sind. Den Zusammenhang der zwei Teile des Verses erklärt Raschi wie folgt: Erst nach der Umkehr eines Menschen nimmt Gott seine Gelübde wohlgefällig an. (Prof. Dr. Yizhak Ahren)

Sidra Wajikra

Eine blutige Sache

Diese Woche werden wir die Tora Lesungen mit dem Buch Wajikra fortsetzen. Wajikra steht voller auf das Tempelgeschehen bezogener Mizwot wie z. Bsp. die Art und Zusammenstellung der Opfer, Reinheitsgesetze für Mensch und Haus und Hinweise für die Priester. Die detaillierten Beschreibungen der Tempelrituale besorgen mir ein ambigues Gefühl. Einerseits finde ich die minutiösen Angaben über das Was, Wann und Wie der Opferungen faszinierend, zugleich jedoch ist es mir zuwider. Hat das Schächten, Teilen und Verbrennen der Opfertiere die Opfer-Bringer und Priester tatsächlich spirituell erhoben? Oder muss man sich das Ganze eher als eine aus einem strikt reglementierten Verfahren bestehende Pflicht vorstellen? Bin ich (als Veganer) vielleicht zu zimperlich? Ich kann mir aber auch nicht vorstellen, dass mich das Opfern von Mehl, Landbauprodukten oder Weihrauch dem EWIGEN näherbringen würde. (Aber ja, man kann sich ja so vieles, das in der Antike üblich war, kaum vorstellen.) Und genau darum geht es beim Opfern, dem EWIGEN nahe oder näher zu kommen. Das hebräische Wort für Opfer, korban, ist von der
Wortwurzel k r b abgeleitet und bedeutet ‘Nähe’. Diese Verbindung von ‘Opfer’ und ‘Nähe’ ist nicht in allen Sprachen übernommen. Das deutsche ‘Opfern’ z. Bsp. kommt vom Lateinischen ‚offerre‘, ‘hingeben’ oder ‘spenden’, und das Englische ‚sacrifice‘ von ‘Heiligung’. Sowohl Darbringen als Heiligen sind Aspekte der
Opfer Tat, zeigen gleichwohl keine Verbindung mit dem hebräischen ‘dem EWIGEN näherkommen’.

Die Propheten waren dem Opfern gegenüber nicht ohne Bedenken. Sie setzten der Opfer Tat die ‚richtige‘ Absicht und vor Allem, in den Augen des EWIGEN richtiges zwischenmenschliches Benehmen voraus. Prophet Jeschaja: «Was soll ich mit euren vielen Schlachtopfern? spricht der EWIGE» «Wascht euch, reinigt euch! Schafft mir eure bösen Taten aus den Augen! Hört auf, Böses zu tun! Lernt Gutes tun, sucht das Recht, weist den, der unterdrückt in seine Schranken! Verschafft dem Waisen Recht, führt den Rechtsstreit für die Witwe!» (1: 11 und 17-18). Auch Hoschea hören wir in der Haftara dieser Woche darüber: «Denn an Treue habe ich [der EWIGE] gefallen und nicht an Schlachtopfern, und an Gotteserkenntnis mehr als an Brandopfern.» (6, 6)

Die Zerstörung des Tempels im Jahr 70 der üblichen Zeitrechnung machte dem Tempelgeschehen ein Ende und somit dem Opfern. Anstelle davon kam das Gebet und insbesondere die Amida, das Hauptgebet. Seit dem 2. Jh. ist die Fürbitte, den Tempel wieder aufzubauen und den Opferkultus wieder einzuführen im Siddur (der Liturgie für den Gottesdienst) zu finden. Im 19. Jh. hat sich das Liberale Judentum dagegen ausgesprochen. Die ersten liberalen Juden, denen Fortschritt und Erneuerung ein Anliegen war, fassten das Verlangen nach einem dritten Tempel und die Wiedereinführung der Opferungen als eine Regression auf. Für sie kann das Gebet sehr wohl die Nähe zum EWIGEN bewirken. Demzufolge finden wir in liberalen Gebetbüchern weder eine Fürbitte für einen Neubau des Tempels noch für die Wiedereinführung der Opferdienste.

Warum lesen wir die Abschnitte über das Tempelgeschehen dennoch? Die Tora ist das Zentrum unserer Tradition. Der Text, geschrieben durch göttlich inspirierte Menschen, hat zum Teil auch heute noch einen Aktualitätswert. Andere Texte können uns als Denkanstoss darüber dienen, wie wir die Tradition in der heutigen Zeit leben können oder sollen. Die Tora ist ein Dokument, das uns mit unseren Vorfahren und mit unserer Geschichte verbindet. Beim Lesen der Tora spüre ich eine Nähe zu den Israeliten in der Antike, zu den Schreibern und ihren Anliegen und vor Allem, zu unserer verschiedenfarbigen (manchmal sogar kontroversen) Tradition.

Die einst so wichtige Bedeutung des Tempelgeschehens und die Aufzeichnung davon in der Tora sollen gelesen werden, wenn auch nicht mit dem Ziel, die biblische Vergangenheit zu reanimieren.


Schabbat schalom,
Rabbiner Ruven Bar Ephraim, JLG Zürich



Kategorien:Gesellschaft

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