Thorazitat – Parascha


Rabbi Mosche Maimonides sagte einst: „Ich glaube mit voller Überzeugung, dass der Schöpfer – gelobt sei Sein Name – alle Geschöpfe erschaffen hat und sie leitet, und dass nur Er allein alle Geschehnisse vollbrachte, vollbringt und vollbringen wird.“

Thora-Parascha

Sidra: BeMidbar
Lesungen: 4. Mose 1,1 – 4,20
Haftara: 2. Schmu‘el 24, 2-19

BeMidbar – Psalm 122
Gang zum Heiligtum

Im zweiten Kapitel des Buches BeMidbar wird die Anordnung des Lagers in der Wüste vorgeschrieben. Das Lager hatte die Form eines Vierecks; auf jeder Seite wohnten jeweils drei Stämme. Graphische Darstellungen  des Lagers findet man im Kommentar von Rabbiner Hertz, im Heft von Kitov zu BeMidbar sowie im Buch von  Leibowitz;  allerdings stellt man bei einem Vergleich der drei Lagerpläne fest, dass die Zeichner sich nicht einig sind, welche Stämme nebeneinander gewohnt haben!
 
Unbestritten ist, dass die zwölf Stämme um das gemeinsame Zentrum des  Stiftszeltes lagerten: „Jeder bei seinem Panier, bei den Abzeichen ihres Vaterhauses sollen lagern die Kinder Israels; im Abstand rings um das Stiftszelt sollen sie lagern“ (BeMidbar 2,2). Wie gross sollte der Abstand sein? Raschi erklärt: „In einer Entfernung von einer Meile (= 2000 Ellen)…, damit sie am Schabbat zum Stiftszelt kommen können.“ Natürlich hat es eine symbolische Bedeutung, dass das Heiligtum genau in der Mitte des Lagers situiert war: Die Wichtigkeit der Tora – die Tafeln des Bundes befanden sich im Stiftszelt – wurde durch den Platz im Zentrum signalisiert.
 
Von einem Gang zum Heiligtum in Jerusalem  spricht der zugeordnete Psalm 122. Der Besuch im Haus Gottes ist nicht als eine lästige Pflicht anzusehen: „Ich freute mich, als man zu mir sprach: Lass uns in des Ewigen Haus gehen“ (Vers 1). Vers 4 und Vers 5 lauten: „Denn dort  zogen Stämme, Stämme Gottes hinauf zum Zeugnis für Israel, dem Namen Gott zu huldigen. Denn dorthin standen Stühle für den Rechtsspruch, Stühle für das Haus Davids.“ Rabbiner Hirsch kommentiert: „Die Gottesstämme  zogen an den Stühlen der Justiz und an den Stühlen des Königtums vorüber zu dem Gotteszeugnis hinan, für dessen Geltendmachung auch diese Stühle gestellt waren.“
 
In Psalm 122 wird die Stadt Jerusalem mehrfach erwähnt (Verse 2, 3 und 6). Nach Rabbiner Hirsch liegt in dem Zeugnis, das seinen Mittelpunkt bildete, Jerusalems Bedeutung! (Von: Prof. Dr. Yizhak Ahren)

Die Wüste spricht
Ich habe 10 Jahre in der Wüstebemidbar, gelebt. Das tönt wüster als es war. Der Kibbuz in der Wüste war ein bequemer Ort mit allem Komfort, den es dazumal gab. Klettert man jedoch das Wadi (trockner Flusslauf) hinter dem Kibbuz hinauf, befindet man sich schon nach 500 Metern in unberührter Natur. Man wähnt sich Zeuge der Schöpfung: majestätische Felsen, bunt geformte Kiesel, rötliche Erde, Wüstenpflanzen, Akazienbäume, spurtend fliehende Eidechsen, summende Grillen, tanzende Schwalben am Himmel und ganz besonders die Stille oder eher die Abwesenheit unnatürlicher Geräusche. Während meiner Kibbuz Zeit war ich oft in der Wüste, allein, mit Freunden oder Jugendgruppen. Wir schliefen dann unter dem freien Himmel im Tausend-Sterne-Hotel. Die unberührte Natur bringt mich dem Göttlichen nahe. Ich versinke in ein labendes Staunen.

Die Wüste bildet die Kulisse des vierten Buches Mose Bemidbar, die Wüste, die das Volk Israel noch 38 Jahre durchstreifen wird, bevor es das verheissene Land betreten darf. Wir beobachten die Veränderung einer ungeordneten, regellosen, ungebildeten und wilden Gruppe Menschen, die sich nach dem obschon unfreien, jedoch bekannten Sklavendasein sehnen, in eine durch Gott und seine Aufträge verbundene Gemeinschaft, deren Ziel die Einnahme des Landes Israel und das Streben, eine Gesellschaft auf Recht und Mitgefühl aufzubauen ist.

Midbar, Wüste, kann auf Hebräisch auch als medaber, spricht / spreche, gelesen werden. Als ich auf einem Felsen im Wadi sass stellte ich mir vor, wie Mosche Wasser aus dem Felsen ‘redet’, wie die Wüste zu Mosche ‚spricht‘, haMidbar medaber, und wie Gott zu Mosche, der draussen in der Wüste die Herde seines Schwiegervaters hütet, spricht, er solle sein Volk aus den Händen Pharaos retten, und wie die Israeliten am Berg Sinai die von Gott gesprochenen 10 Worte, Asseret haDibrot, hören. In ‘haDibrot’, die Worte, verbirgt sich das medaber, das Sprechen.  

Wenn wir Schawuot feiern, erinnern wir uns an die Offenbarung der Worte Gottes in der Wüste. Die Zubilligung Gottes Worte bringt ein Leben mit der jüdischen Tradition und die Umarmung der jüdischen Identität mit sich mit. In der Wüste, dem Ort, der Niemandem gehört, wurde uns die Tora gegeben, damit, so in der Mechilta deRabbi Jischma’el, niemand die Tora als Eigentum beanspruchen kann (19, 2, 7 und 20, 2, 4). Wie schön die unberührte Natur auch ist, Menschen brauchen soziale Vereinbarungen, wie sie zum Beispiel in der Tora gegeben sind und die wir unterschreiben, damit die Welt nicht in eine soziale Wüstenei zerfällt.

Auf der Achse zwischen Freiheit und Gesetz, zwischen der natürlichen und der menschlichen Ordnung balancieren wir durch das Leben, allein, mit unseren Geliebten und als Gemeinde.
 

Schabbat schalom und Chag Schawuot sameach,

Rabbiner Ruven Bar Ephraim, JLG Zürich

PARASCHAT HASCHAWUA

bemidbar.2.j.pdf / bemidbar.haftara.pdf


Live Streaming der Gottesdienste unter: https://www.youtube.com/channel/UC6m5EJQu3x04EvapqMpG3vg  



Kategorien:Gesellschaft

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