Betende Jüdinnen lösen Tumulte aus


ISRAEL-RELIGION-JUDAISM-WOMEN-RIGHTS

Ein Polizist packt einen Demonstranten am Arm: „Nazis, geht zurück nach Deutschland!“, brüllten einige Ultraorthodoxe den Frauen zu.

Sie wollten beten und lösten schwere Tumulte aus: An der Klagemauer in Jerusalem ist es zwischen einer Gruppe religiöser Frauen und ultraorthodoxen Juden zu einem Streit um religiöse Praktiken gekommen. Ein Gericht hatte Frauen vor Kurzem das Gebet mit Gebetsschal an der Klagemauer genehmigt. Nach Ansicht der Orthodoxen ist dies aber nur Männern erlaubt. Ein Grossaufgebot der Polizei sicherte das Gebet der Gruppe “Frauen der Mauer”. Orthodoxe Rabbiner wollten das Ereignis unbedingt verhindern und hatten zu Protesten aufgerufen.

Es ist die Beschimpfung, mit der sie Andersdenkende gerne provozieren. „Nazis!“, brüllen ultraorthodoxe Demonstranten in Jerusalem den rund 30 Frauen entgegen, wenn sie versuchen, sich einen Weg durch die Menge zu bahnen. Sie wollen zur Klagemauer, um dort gemeinsam das Freitagsgebet zu sprechen. Stoisch ignorieren die Frauen die Trillerpfeifen und die Beschimpfungen mehrerer tausend Ultraorthodoxer, die nichts unversucht lassen, um sie davon abzuhalten.

Die Frauen nennen sich Women of the Wall. Seit über 20 Jahren kämpft die jüdische Organisation dafür, dass Frauen ihrem Glauben ebenso Ausdruck verleihen dürfen, wie Männer es tun. Das bedeutet: Sie wollen an der Klagemauer den Gebetsschal tragen und ihre Gebete laut singend vortragen. Für Ultraorthodoxe ist das eine Provokation, weil es traditionell ausschliesslich Männern vorbehalten ist, laut zu beten.

Miri Regev, Mitglied der Knesset, sagte: “Ich bin hier um das Geschehen aus der Nähe zu verfolgen, als Vorsitzende des Knesset-Ausschusses für die Heiligen Stätten. Für mich als Frau, als traditionelle Frau, ist es schwer mit anzusehen, dass Frauen mit einem Gebetsschal beten. Auf der anderen Seite verstehe ich, dass alle Bürger des Staates Israel an den Plätzen beten wollen, die ihnen heilig sind.” Nach dem zunächst friedlichen Beginn des Gebets eskalierte schliesslich die Situation. Einige Protestierende warfen Eier, Stühle, Wasserflaschen und Steine auf die Sicherheitskräfte und beschimpften sie als “Nazis”. Zwei Polizisten wurden verletzt, drei orthodoxe Männer verhaftet. Jerusalems Polizei fordert jedoch Konsequenzen. Ihr Chef Yossi Parienti verglich die Klagemauer mit einem Schlachtfeld. „Es ist nicht angenehm, die Mauer so zu sehen“, sagte er. Er hoffe, dass es in den nächsten Monaten eine politische Einigung in dem Konflikt gebe.  

Auch der Rabbi der Klagemauer, Shmuel Rabinowitz, zeigte sich bestürzt: „Niemand wollte, dass es so weit kommt“, sagte er im Anschluss an die Proteste, „ich bitte alle, die Klagemauer aus diesem Streit herauszuhalten“. Bislang galt Rabinowitz als grosser Kritiker der Frauenbewegung, jetzt zeigte er sich versöhnlicher. Ein möglicher Weg könnte ein gemeinsamer Abschnitt für Frauen und Männer an der Klagemauer sein. Bislang beten Frauen und Männer getrennt – die Männer links vor einem breiten Mauerstück, die Frauen rechts auf einem sehr viel kleineren Abschnitt. Würde sich der Vorschlag durchsetzen, wäre dies ein Erfolg für die liberalen Vertreter des Judentums in Israel.

Die unterschiedliche Auslegung der Schriften hatte in den letzten Jahren wiederholt zu Unruhen an der heiligen Stätte geführt. Immer wieder wurden die Women of the Wall bei ihren Aktionen festgenommen. Trotz der Ausschreitungen am Freitag werteten die Frauen das Gebet als Erfolg. Shia Pruce, Sprecherin der „Women of the Wall“, sprach von einem „historischen Moment“. „Die Polizei hat beim Schutz der betenden Frauen an der Klagemauer hervorragende Arbeit geleistet“, so Pruce, „das ist Gerechtigkeit“. Bislang waren es immer die Frauen gewesen, die während ihres Gebets festgenommen wurden. Jetzt wurden sie das erste Mal von Sicherheitskräften beschützt.



Kategorien:Gesellschaft

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