Arabische Jungen besonders durch Missbrauch betroffen


„Hast du jemanden, mit dem du reden kannst? Du bist nicht allein!“ – Mit diesen Worten wendet sich die Hotline an arabische Jungen.

In Tel Aviv gibt es die erste Notfallnummer Israels für arabische Jungen und Männer, die Opfer sexuellen Missbrauchs wurden. Die Initiative folgt auf eine Studie, laut der in der israelisch-arabischen Gesellschaft deutlich mehr Jungen als Mädchen missbraucht werden. Das berichtet die Onlinezeitung „Times of Israel“.

Die Untersuchung der Universität Haifa wurde im November 2016 veröffentlicht. 12.035 jüdische und arabische Schüler der sechsten, achten und zehnten Klassen wurden befragt. Der Universität zufolge war es die bislang grösste israelische Studie zum Thema Kindesmisshandlung.

Bei der Befragung berichteten von sexuellem Missbrauch knapp 18 Prozent der jüdischen Jungen und Mädchen sowie 28 Prozent der arabischen Jungen und rund 19 Prozent der arabischen Mädchen. Opfer häuslicher Gewalt waren rund 8 Prozent der jüdischen Jungen und 10 Prozent der Mädchen. Auf arabischer Seite waren es 12 Prozent der Jungen und fast 16 Prozent der Mädchen. Körperliche Misshandlung erlitten laut der Untersuchung fast 18 Prozent der jüdischen Jungen und 12 Prozent der Mädchen sowie 33 Prozent der arabischen Jungen und 23 Prozent der Mädchen.

Die Zahlen bei den arabischen Kindern waren in allen Bereichen höher als bei jüdischen Kindern. Dazu gehören psychischer, verbaler, emotionaler und sexueller Missbrauch.

Der jüdische Israeli Chen Avidar, Doktorand an der Universität Tel Aviv, hat daraufhin die Initiative ergriffen und die erste arabisch-sprachige Hotline für Jungen und Männer eingerichtet, die Opfer sexuellen Missbrauchs wurden. Er hat mehrere Erklärungen dafür, warum vor allem arabische Jungen häufiger missbraucht werden. Laut Avidar würden diese weniger streng beaufsichtigt als Mädchen. Zudem fürchteten die Täter schlimmere Folgen nach dem Missbrauch von Mädchen, wie mögliche Schwangerschaften oder Blutfehden zwischen Familien. Der Missbrauch könne bei Mädchen ferner durch ein gerissenes Jungfernhäutchen nachgewiesen werden.

Die neue Servicenummer ist Teil des Tel Aviver Krisenzentrums für sexuelle Übergriffe. Sowohl israelische Araber als auch Palästinenser können sich an die Mitarbeiter wenden. Für palästinensische Frauen gibt es in der Autonomiestadt Ramallah eine entsprechende Hotline. Auch in Israel existieren mehrere arabischsprachige Servicenummern, an die sich israelische Araberinnen und Palästinenserinnen wenden können. Für betroffene Jungen und Männer gab es in Israel bislang nur eine Hotline auf Hebräisch. In den Palästinensergebieten gibt es diese Hilfe bislang nicht.

Avidar hat Arabisch und Psychologie studiert. Seine Doktorarbeit schreibt er zum Thema sexueller Missbrauch an männlichen Arabern. Er sei sich sicher, dass es keine weitere entsprechende Hotline in der arabischen Welt für männliche Opfer sexuellen Missbrauchs gebe.

Die Servicenummer für arabische Männer ist derzeit nur dienstags zwischen 20 und 23 Uhr erreichbar. Trotz intensiver Suche nach männlichen Freiwilligen, die Arabisch sprechen, hätten sich bislang nur zwei Männer für den Dienst gemeldet. Einer absolviere derzeit noch den sechsmonatigen Trainingskurs. Nach dessen Beendigung könne die Hotline weitere Stunden zur Verfügung stehen.

Neben psychologischer Hilfe erhalten Betroffene durch das Krisenzentrum unter anderem Unterstützung beim Erstatten einer Anzeige. Auf Wunsch werden sie auch bei einem Gerichtsprozess begleitet.

Nadia Massarweh, Koordinatorin für die arabische Gemeinschaft in der Abteilung des Bildungsministeriums für Prävention von Kindesmissbrauch, begrüsste die Einrichtung der neuen Hotline. „Das ist sehr wichtig, denn in der arabischen Gesellschaft sind wir uns dessen nicht bewusst, was mit unseren Jungen passiert“, sagte sie gegenüber dem israelischen Rundfunk. „Wir sind wie die meisten Menschen, die gedacht haben – und immer noch denken –, dass Missbrauch etwas ist, das hauptsächlich Frauen trifft. Wir haben da einen einen blinden Fleck, was unsere Jungs betrifft“, fügt Massarweh hinzu. (inn / Foto: Facebook; Screenshot)



Kategorien:Nahost

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