Europas Juden zwischen Antisemitismus, stillem Holocaust und Israel


Die Zahl der Juden in Europa beläuft sich, gemessen an einem Zeitraum von tausend Jahren, auf einem Tiefpunkt in der Geschichte des Volkes. Allein nach dem Holocaust und seit 1950 hat Europa 60 Prozent seiner Juden verloren. Hauptgründe dafür sind Antisemitismus und Assimilation.

In Polen beträgt die Assimilation 70 Prozent, in Ungarn, Holland, Dänemark und Schweden 50 Prozent. 75 Prozent der europäischen Juden melden nicht einmal mehr, wenn ihnen Übergriffe antisemitischer Natur widerfahren. Im 19. Jahrhundert lebten 90 Prozent der jüdischen Weltgemeinschaft in Europa. Heute sind es nicht mehr als zehn Prozent, die in Europa leben, 1.329.400 Juden an der Zahl. Dies geht aus einer Studie des Institutes für jüdische Politikforschung hervor, die kürzlich Israels Einwanderungskomitee der Knesset vorgelegt wurde.

Die Studie stellte darüber hinaus fest, dass die jüdische Gemeinde in Deutschland, die 118.000 Juden zählt, immer älter wird. 40 Prozent der deutschen Juden sind über 65 Jahre alt und nur 10 Prozent sind unter dem 15. Jahresalter. Zudem nimmt die jüdische Auswanderung aus Europa zu, einmal wegen des steigenden Antisemitismus, wie auch wegen des Verfalls der jüdischen Gemeinschaften und der Assimilation.

Der stille Holocaust ist ein israelischer Begriff, der sich hauptsächlich auf die Assimilation unter den Juden der Vereinigten Staaten bezieht, aber auch unter den jüdischen Gemeinden in Europa. Man sieht darin eine nationale Katastrophe, die eine dramatische Verringerung bis zum Verschwinden der jüdischen Bevölkerung von Generation zu Generation verursacht. Rabbi Rafi Peretz, der bis vor Kurzem noch Israels Erziehungsminister war und nun für Jerusalem-Angelegenheiten verantwortlich ist, verglich vor über einem Jahr die Assimilation von Juden, insbesondere in Amerika, mit einem zweiten oder stillen Holocaust. Dafür wurde er von jüdischen Gemeinden in den USA heftig kritisiert, die dies anders sehen. Kinder aus Mischehen werden immer noch als Juden betrachten, auch wenn die Mutter keine Jüdin ist, nur der Vater.

Polizisten stehen Wache an der Neuen Synagoge Berlin während des Jom Kippur Feiertages (EPA-EFE / HAYOUNG JEON)

1970 lebten 3,2 Millionen Juden in ganz Europa, einschliesslich der Sowjetunion. Nach dem Fall des Eisernen Vorhangs verliessen 1,5 Millionen Juden die Sowjetunion. Aber auch aus den westeuropäischen Ländern sind Juden ausgewandert. In Frankreich lebten 1970 noch 530.000 Juden, heute sind es 449.000. 51.445 Juden wanderten nach Israel und viele andere nach Kanada aus. In der Türkei lebten bis vor 50 Jahren 40.000 Juden, heute nur noch 14.600 Juden.

Der Oberrabbiner von Moskau und Präsident der Europäischen Rabbinerkonferenz, Rabbi Pinchas Goldschmidt, macht für den Rückgang der Zahl der Juden in Europa hauptsächlich die islamische Terrorwelle verantwortlich. „Europa hat damit begonnen, den Terrorismus zu bekämpfen, aber die formelle und informelle Zukunft der jüdischen traditionellen Erziehung ist in Gefahr. Zudem hat die Corona Epidemie die üblichen Spenden für jüdische Gemeinden drastisch sinken lassen. Deshalb muss der Staat Israel dringend eingreifen. Ohne jüdische Erziehung wird es keine Juden geben und ohne Juden wird es keine Alijah geben.“

Aber auch die umstrittene Mischehe hat die jüdischen Gemeinden reduziert. In Polen heiraten 70 Prozent der Juden einen nichtjüdischen Ehepartner. In Ungarn, Holland, Dänemark und Schweden sind es 50 Prozent. In Frankreich liegt die Mischehen-Quote bei 31 Prozent, in Grossbritannien bei 24 Prozent und in Belgien bei 14 Prozent. Die Forscher stellen fest, dass in den meisten europäischen Ländern aufgrund von Assimilation und niedrigen Geburtenraten ein Rückgang der Zahl der Juden zu erwarten ist.

Rabbi Avi Baumol – Unterricht im Jüdischen Gemeindezentrum (JCC), in Krakau, Polen (Archivbild – Miriam Alster/Flash90)

Dr. Laurence Weinbaum, Generalsekretär des Jüdischen Weltkongresses, warnte davor, dass auf keinen Fall die Kinder aus den Mischehen vergessen werden dürfen. „Wir müssen alles geben, um diese Kinder wieder zum Judentum zu führen. Sie müssen verstehen, dass sie einem reichen, faszinierenden und tiefen Glauben angehören.“ Darüber hinaus forderte er einen Zuschuss für die jüdische Erziehung in der Diaspora, damit auch Familien mit niedrigem Einkommen ihre Kinder diese Erziehung zukommen lassen können, die in der Diaspora privat und teuer ist.

Der Vorsitzende des Komitees, David Bitan, betonte: „In Europa sind Juden gezwungen, jüdische Symbole zu verstecken, weil sie Angst haben, mit einer Kippa auf der Strasse herumzulaufen. Synagogen werden von der örtlichen Polizei gesichert. Der Staat Israel muss die jüdischen Gemeinden im Ausland unterstützen, denn nicht alle Juden können und wollen nach Israel einwandern. Zudem ist die jüdische Erziehung eine private und teure Ausbildung, die sich nicht jede jüdische Familie leisten kann.“ Aus diesem Grund besteht Bitan dringend auf ein grösseres Budget aus der Staatskasse.

“ Aliyah Flight“ Neueinwanderer landen in Israel. Aber nicht alle Juden können und wollen einwandern. (Flash90)

Der Initiator dieser Diskussion im israelischen Parlament ist der orthodoxe Knessetabgeordnete Josef Tayeb. Er besteht auf einen effizienteren Einsatz der Regierung. „Der Staat Israel muss sich dringend fragen, wie er den jüdischen Gemeinden in Europa im Umgang mit Antisemitismus und Assimilation taktisch hilft. Aufgrund des Antisemitismus verstecken viele Juden ihr Judentum, schämen sich dafür und fürchten, angegriffen zu werden. Dies führt zu einer Entfremdung ihrer eigenen Identität und zu Mischehen.“ Gemäss Tayeb wird angenommen, dass nur diejenigen einwandern, die mit ihrem Judentum stark verbunden sind, was automatisch eine schwache jüdische Gemeinde vor Ort hinterlässt. Und zwar ohne Leiter, religiöse und pädagogische Erziehung. Dies wird kulturelle und kommunale Konsequenzen haben. Sowieso haben viele Juden Angst, ihre Kinder in jüdische Einrichtungen zu schicken. Josef Tayeb zeigte sich übrigens anfangs in einem Telefongespräch bereit, diesbezüglich Fragen zu beantworten, die wir ihm per E-Mail zukommen liessen. Nachdem er dann aber unsere Israel Heute-Webseite checkte und sah, wie oft der Name Jesus in unseren Artikeln vorkommt, habe er sich sehr erschrocken, wie er uns erklärte. Sein Parteisprecher habe ihm nun verboten, mit uns zu reden.

Der jüdische Historiker Prof. Bernard Wasserstein sieht die Situation der Juden in Europa anders. „Europäische Juden befanden sich schon vor Hitler in einer existenziellen Krise“, unterstrich Wasserstein. „Assimilation, Vernachlässigung jüdischer Sprachen und die steigende Kriminalität in Europa betrafen die jüdischen Gemeinden in Europa schon in den 1930er Jahren. Schon vor dem Aufstieg der Nazis bröckelte die jüdische Gemeinde auseinander. Auch wenn der Antisemitismus in Europa sinkt, so werden sich deswegen die jüdischen Gemeinden in Europa nicht vom Fall retten können.“

Quellen des Knessetausschusses zeigen, dass es derzeit weltweit 14,5 Millionen Juden gibt. Davon leben 45 Prozent in Israel (6,7 Mio.), hinzu kommen 6,1 Mio. Juden in Nordamerika, 1,3 Mio. in Europa, 324.000 in Südamerika, 300.000 in Asien, 120.000 in Australien und Neuseeland sowie 74.000 in Afrika. Acht Millionen Juden leben in der Diaspora, aber 80% von ihnen fühlen sich nicht mit dem Judentum und Israel verbunden. „Wir schwimmen gegen den Strom und die meisten Juden leben gut im Ausland“, verstehen die meisten. Solange es Juden in Europa gut geht, wird keiner einen Grund haben, nach Israel auszuwandern. Das Einzige, was Juden bewegt, nach Israel zu ziehen, ist Gefahr, Antisemitismus. Ohne diesen haben sie keinen Grund nach Israel einzureisen, solange es ihnen woanders besser geht.

6,1 Mio. Juden leben in Nordamerika – Brooklyn, New York (Archivbild – Nati Shohat/Flash90)

Die Assimilation sehen betroffene Juden weniger als eine Gefahr an, denn immerhin haben sie selbst die Wahl getroffen, einen Nichtjuden zu heiraten. Aus rabbinischer Sicht ist dies jedoch eine existenzielle Gefahr für das Volk Israel, denn Kinder nichtjüdischer Mütter werden automatisch nicht mehr als Juden gezählt. Die jüdische Orthodoxie sieht in diesen Fällen verlorene jüdische Seelen, die zwar zum Samen Israels gehören, aber technisch nicht als Juden gezählt werden können. Dies erklärt auch, weshalb orthodoxe Juden so sehr gegen christliche und messianische Mission unter Juden sind, denn aus ihrer Sicht führt dies in Gemeinden zu Mischehen. Jede verlorene jüdische Seele verringere die Zahl der Juden.

Doch egal aus welcher Sichtweise man alles betrachtet, das jüdische Volk hat über die Jahrtausende hinweg Antisemitismus überlebt als auch Assimilation. Das Volk Israel ist mit Gottes Aufsicht stärker als die Gefahren drumherum. (Aviel Schneider,ih)



Kategorien:Gesellschaft

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